Warum du gehst, obwohl du bleiben willst
Er sitzt am Tisch.
Familie.
Gespräche.
Ein ganz normaler Abend.
Gläser klirren leise.
Besteck berührt Teller.
Nichts Ungewöhnliches.
Er wirkt ruhig.
Wie immer.
Dann passiert es.
Ein Geräusch.
Kauen.
Rhythmisch.
Wieder und wieder.
Und plötzlich ist es nicht mehr nur ein Geräusch.
Sein Körper spannt sich an.
Kaum sichtbar.
Die Schultern ein wenig fester.
Der Atem flacher.
Er sagt nichts.
Er war noch nie der, der etwas sagt.
Nach außen bleibt alles gleich.
Innen nicht.
Das Geräusch wird größer.
Nicht lauter.
Aber näher.
Als würde es sich durch ihn hindurch bewegen.
Ein Gedanke kommt:
Reiß dich zusammen.
Noch ein Geräusch.
Jetzt ist es kein Gedanke mehr.
Es ist Druck.
Er greift nach seinem Glas.
Trinkt.
Nickt.
Versucht, normal zu wirken.
Doch etwas in ihm hat längst entschieden.
Er steht auf.
Ganz ruhig.
Sagt etwas wie:
Ich bin gleich wieder da.
Und geht.
Im Flur bleibt er stehen.
Stille.
Und dann kommt sie.
Nicht Wut.
Nicht wirklich.
Eher etwas anderes.
Erschöpfung.
Als hätte er gerade etwas getragen,
das niemand gesehen hat.
Er lehnt sich an die Wand.
Atmet.
Langsam.
Und vielleicht ist das der Moment,
in dem etwas sichtbar wird.
Er geht nicht,
weil er nicht bleiben will.
Er geht,
weil etwas in ihm
nicht mehr halten kann.
Was hier wirklich passiert
Viele Menschen mit Misophonie kennen genau das.
Rückzug.
Abstand.
Allein sein wollen.
Von außen wirkt das schnell wie:
Vermeidung.
Desinteresse.
Oder sogar Ablehnung.
Doch innen ist es oft etwas ganz anderes.
Ein System,
das lange stark war.
Das viel getragen hat.
Das gelernt hat:
Ich komme klar.
Und genau dieses System
gerät an seine Grenze.
Nicht bei allem.
Aber bei bestimmten Reizen.
Misophonie ist dann nicht einfach eine Reaktion auf Geräusche.
Sondern ein Moment,
in dem Kontrolle nicht mehr reicht.
Eine leise Einladung
Vielleicht kennst du das.
Dieses Funktionieren.
Dieses Zusammenhalten.
Dieses Ich schaffe das schon.
Und gleichzeitig diese Momente,
in denen es plötzlich zu viel wird.
Vielleicht geht es nicht darum,
stärker zu werden.
Sondern ehrlicher.
Nicht sofort.
Nicht laut.
Aber vielleicht in einem kleinen Moment:
Wenn du gehst…
zu merken,
dass es kein Versagen ist.
Sondern ein Signal.
Im nächsten Teil
begegnen wir jemandem,
der nicht geht.
Der bleibt.
Zu lange.
Und vielleicht ist das
noch anstrengender.
Wenn du das liest…
Bist du eher der, der geht?
Oder der, der bleibt,
obwohl es innerlich schon lange zu laut ist?
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