5 Minuten – Nicht das Geräusch

Veröffentlicht am 16. Januar 2026 um 08:12

Ein stiller Impuls über Misophonie, Körperreaktionen und die Einladung zur Selbstbegegnung

Blogtext:

Ich möchte heute nichts erklären. Keine Lösung anbieten. Und ganz bestimmt kein Rezept. Ich möchte etwas teilen, das mir in den letzten Wochen sehr nah gekommen ist. Viele von uns denken bei Misophonie zuerst an Geräusche. An Kauen. Atmen. Schmatzen. Tippen.
Und ja – das ist real. Aber ich habe gemerkt: Ich reagiere nicht auf das Geräusch.

Ich reagiere auf etwas in mir, das schon vorher da ist.

Bei mir sitzt es im Hals. Eine Spannung, die ich oft gar nicht bemerke. Und wenn dann ein Geräusch kommt, ist da keine Gedenksekunde. Keine Wahl. Nur Notwehr. Lange habe ich gedacht, ich müsse ruhiger werden. Mich kontrollieren. Durchhalten. Und jedes Mal, wenn es nicht geklappt hat, habe ich mich noch mehr verurteilt. Heute glaube ich etwas anderes: Das ist kein Charakterfehler. Das ist ein Schutzsystem, das einmal sehr wichtig war. Und ich habe gemerkt: Hinter meiner Wut liegt keine Aggression. Hinter meiner Wut liegt Angst. Und hinter dieser Angst… liegt Traurigkeit.

Eine Traurigkeit, die mir gilt. Nicht den anderen. Mir.

Als ich mir erlaubt habe, mich nur einen Millimeter weniger zu verschließen – nicht ruhig zu bleiben, nicht besser zu reagieren, sondern mich wahrzunehmen – kam nicht Panik. Es kam Traurigkeit. Und hinter ihr: ein Hauch von Erleichterung. Vielleicht ist Misophonie nicht das Problem. Vielleicht ist sie ein Hinweis. Ein Wächter. Ein Signal unseres Nervensystems, dass etwas zu viel ist – oft schon lange vor dem Geräusch.

Ich glaube nicht, dass wir lernen müssen, Geräusche auszuhalten. Ich glaube, wir müssen lernen, uns selbst früher zu spüren.

Und vielleicht, ganz vielleicht, braucht es keine Lösung, sondern mehr Verständnis für das, was in uns reagiert – bevor wir reagieren.

Das wollte ich teilen. Nicht als Wahrheit. Sondern als Einladung.

 

Reflexionsfragen:

  • Wo im Körper beginnt es bei dir – bevor das Geräusch da ist?
  • Was glaubst du, schützt deine Reaktion?
  • Was liegt hinter deiner Wut – wenn du ganz ehrlich bist?
  • Was würde passieren, wenn du dich nach einem Trigger nicht verurteilst?

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