Ein persönlicher Erfahrungsbericht über Zwang, Erinnerung und innere Freiheit
Ich habe lange geglaubt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Essgeräusche konnten mich innerlich explodieren lassen. Schmatzen. Schlürfen. Kauen. Für andere banal – für mich kaum auszuhalten. Lange habe ich das als Symptom gesehen. Heute nenne ich es: eine Erinnerung des Körpers.
Misophonie und alte Prägungen
Viele von uns kennen Sätze wie:
„Du isst das jetzt auf.“
„Bleib sitzen, bis der Teller leer ist.“
„Ich habe mir so viel Mühe gegeben.“
Damals ging es nicht um Geschmack. Es ging um Gehorsam. Um Nähe ohne Wahl. Um Bleiben müssen, obwohl etwas in mir laut „Nein“ sagte.
Ein Moment der Umkehr
Vor kurzem ist mir etwas Unerwartetes passiert: Ich saß allein vor einem einfachen, guten Essen. Kein Anspruch. Keine Erwartung. Keine Beobachtung. Und ich aß laut. Genussvoll. Mit Geräusch.
Nicht aus Trotz. Nicht aus Provokation. Sondern, weil mein Körper durfte.
In diesem Moment wurde mir klar: Vielleicht richtet sich meine Misophonie nicht gegen Geräusche.
Vielleicht richtet sie sich gegen Zwang.
Misophonie ist mehr als Reizüberempfindlichkeit
In vielen asiatischen Kulturen sind Essgeräusche kein Tabu. Sie gelten als Ausdruck von Wertschätzung, Präsenz und Lebensfreude. Der Körper darf da sein. Er darf klingen.
Und plötzlich verstand ich:
Mein Nervensystem hasst nicht das Geräusch. Es hasst das Gefangensein.
Diese Erfahrung hat nichts „geheilt“. Aber sie hat etwas geöffnet.
Misophonie verstehen: Es geht nicht immer um Lautstärke
Vielleicht geht es nicht immer darum, leiser zu werden. Vielleicht geht es darum, wieder klingen zu dürfen – frei, freiwillig, im eigenen Rhythmus. Ich teile das nicht als Wahrheit. Ich teile es als Einladung.
Für jeden, der beim Essen – oder im Leben – manchmal lieber still war, weil er früher nicht gehen durfte.
Suchst du Hilfe bei Misophonie?
Wenn du diesen Text gefunden hast, weil du auf der Suche bist – nach Wegen, mit deiner Misophonie umzugehen, nach Verstehen, nicht nach Verdrängen –, dann findest du auf dieser Seite weitere Impulse:
👉 www.misophonie-gruppe.de/stille-beginnt-innen
Dort geht es nicht ums Aushalten. Sondern ums Spüren. Nicht ums Schweigen. Sondern ums ehrliche Sprechen.
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