Ich bin alle – und das ist gut so

Veröffentlicht am 24. Januar 2026 um 16:10

Ich habe lange gedacht, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Meine Wut? War zu viel.
Meine Angst? Schwäche.
Trauer? Unangebracht.
Und die Liebe, war immer für andere da, selten für mich.

Früher war alles außen. Ich suchte Schuld.
Zuerst bei meiner Mutter.
Dann bei meinem Vater.
Dann bei der Welt.
Bis ich irgendwann, mit fast 45, fragte:
Warum bin ich eigentlich so wütend auf mich selbst?

Wenn ich heute Wut spüre, versuche ich nicht mehr, sie wegzudrücken.
Ich spüre sie. Ich gebe ihr Raum.
Denn ich weiß: Sie beschützt etwas Altes.

Etwas, das mein Unterbewusstsein gespeichert hat.
Nicht weil es stimmt, sondern weil es sich damals so anfühlte.
Mein Inneres weiß nicht, ob es richtig war – es weiß nur, dass es sich retten musste.

Und so schützt mich meine Wut noch heute.
Gegen Nähe. Gegen Kontrollverlust. Gegen alte Schmerzen, die damals niemand gesehen hat.

Doch wenn ich hinspüre, ganz ehrlich,
dann liegt unter dieser Wut oft etwas anderes.
Angst.

Wenn ich das Wort höre, zieht sich mein Hals zusammen.
Der Rachen wird trocken. Ich kann nicht schlucken.
Die Angst will mich warnen.
Doch wenn sie nicht schreit, sondern flüstert, sagt sie:
„Ist das gerade wirklich real? Oder ist das dein inneres Kind, das etwas Falsches abgespeichert hat?“

Ich höre hin.
Ich frage mich:
Was will meine Angst beschützen?
Was liegt dahinter?

Und dann spüre ich sie:

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Die Traurigkeit. Leise, still, immer da gewesen.
Doch ich durfte sie nie zeigen. Ich musste stark sein. Funktionieren. Durchhalten.

Heute weiß ich:
Diese Traurigkeit ist nicht Schwäche.
Sie ist der Teil in mir, der endlich loslassen darf.
Und mit dem Loslassen kommt Ruhe.
Kein Drama. Kein Lärm.
Nur sein dürfen.

Und dann, ganz plötzlich, kommt sie:
Die Liebe.
Nicht laut. Nicht wie im Film. Sondern als warmes, stilles Licht in meinem Inneren.
Ich durfte vor ein paar Wochen meinem wahren inneren Kind begegnen.
Nicht den Wächtern, die ich früher für mein inneres Kind gehalten habe, 
jene kleinen, verzweifelten Teile, die einfach nur schützen wollten.

Nein, diesmal war es die pure, bedingungslose, allumfassende Liebe.
So klar, so weich, so lebendig.

Und ich erkannte:
Ich bin nicht entweder oder.
Ich bin alle.

Ich bin die Wut.
Ich bin die Angst.
Ich bin die Trauer.
Ich bin die Liebe.

Und das ist gut so.

Ich muss niemanden in den Arm nehmen,
denn alle vier Anteile gehören zu mir.
Sie machen mich zu dem, der ich bin.
Das ist Frank – ohne Maske.

Nicht weil ich jemand geworden bin.
Sondern weil ich niemand mehr sein muss.


Reflexionsfragen für dich:

  • Welche deiner Gefühle darf sich zeigen – und welches schiebst du oft zur Seite?

  • Gibt es ein Gefühl, das du lange bekämpft hast – und das vielleicht nur Schutz war?

  • Wo spürst du deine Angst im Körper? Und was könnte sie dir sagen wollen?

  • Wann hast du dich das letzte Mal von dir selbst gehalten gefühlt – nicht von anderen?

  • Was würde passieren, wenn du dir erlaubst, alle deine Anteile anzuerkennen?

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