Innen & Außen – warum wir so oft im Außen suchen, was innen schmerzt
Wir leben in einer Welt, die schnell ist. Zu schnell für viele Nervensysteme. Und wenn etwas zu viel wird, passiert etwas sehr Menschliches: Wir schauen nach außen. Der Lärm ist schuld. Die anderen sind rücksichtslos. Die Situation ist falsch. Die Umstände sind ungünstig. Manchmal stimmt das sogar. Aber oft erklärt es nicht, warum es uns so tief trifft.
Das Außen ist sichtbar – das Innen nicht
Das Außen ist leicht zu benennen. Es hat Namen, Gesichter, Geräusche, Situationen. Es lässt sich beschreiben, bewerten, verurteilen. Das Innen dagegen ist leise. Unklar. Manchmal beschämend. Manchmal beängstigend. Und genau deshalb greifen wir so schnell nach dem Außen. Nicht aus Bosheit.
Sondern aus Selbstschutz.
Schuld im Außen gibt kurzfristig Entlastung
Wenn das Außen schuld ist, muss ich mich selbst nicht spüren.
Ich muss nicht fühlen,
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wie angespannt mein Körper schon lange ist,
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wie überfordert mein Nervensystem reagiert,
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wie alt manche Reaktionen eigentlich sind.
Schuld im Außen verschafft Luft. Aber sie schafft keine Ruhe. Denn das, was uns wirklich belastet, bleibt unangetastet.
Das Außen triggert – aber es verursacht nicht alles
Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Ein Geräusch, ein Verhalten, eine Situation löst etwas aus, aber es erschafft nicht das gesamte innere Erleben. Zwischen Reiz und Reaktion liegt etwas, das wir lange übersehen haben: unsere innere Geschichte, unsere Schutzmechanismen, unsere Art, mit Überforderung umzugehen.
Das Außen ist der Auslöser. Das Innen ist der Resonanzraum.
Warum der Blick nach innen so schwer ist
Nach innen zu schauen heißt, keine schnellen Antworten zu bekommen.
Es heißt,
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Unsicherheit auszuhalten,
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Widersprüche zuzulassen,
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nicht sofort zu wissen, was „richtig“ ist.
Und genau das ist für viele Menschen ungewohnt. Oder nie gelernt worden. Also bleiben wir im Außen.
Diskutieren. Erklären. Rechtfertigen.
Hoffen, dass sich etwas beruhigt, wenn sich die Umstände ändern. Manchmal tun sie das. Oft aber nicht.
Innen bedeutet nicht: Schuld bei sich suchen
Ein wichtiger Punkt: Nach innen zu schauen heißt nicht, sich selbst die Schuld zu geben.
Es heißt nicht: „Ich bin falsch.“ Oder: „Ich stelle mich an.“
Innen bedeutet: Verantwortung übernehmen für das, was in mir geschieht, ohne mich dafür zu verurteilen.
Es ist ein Unterschied, ob ich mich beschuldige oder ob ich mich ernst nehme.
Wenn innen leiser wird, verliert außen an Macht
Viele machen die Erfahrung: Das Außen bleibt ähnlich. Aber die Reaktion verändert sich. Nicht, weil man stärker wird.
Sondern weil man sich selbst näherkommt. Wenn ich erkenne, wo mein Nervensystem schon lange im Alarm ist, muss ich nicht mehr kämpfen.
Wenn ich spüre, dass meine Reaktion ein Schutz ist, muss ich sie nicht mehr rechtfertigen.
Dann entsteht etwas Neues: kein Rückzug, keine Abhärtung, sondern innere Ordnung.
Innen & Außen gehören zusammen – aber nicht gleichwertig
Das Außen darf benannt werden. Grenzen dürfen gesetzt werden. Rücksicht darf eingefordert werden. Aber echte Veränderung beginnt dort, wo wir aufhören, alles ausschließlich im Außen lösen zu wollen.
Nicht als Pflicht. Nicht als Methode. Sondern als Einladung.
Eine stille Frage zum Schluss
Was wäre, wenn dein inneres Erleben kein Fehler ist, sondern ein Hinweis?
Und was würde sich verändern, wenn du nicht zuerst suchst, wer oder was schuld ist, sondern was in dir gerade Schutz braucht?
Manche Menschen spüren beim Lesen, dass sie diesen Unterschied zwischen innen und außen nicht nur verstehen, sondern erfahren möchten.
Für sie gibt es einen eigenen, ruhigen Raum:
„Stille beginnt innen“.
Keine offene Austauschgruppe, sondern eine verbindliche Weggemeinschaft für Menschen mit Misophonie, die bereit sind, ihrem inneren Erleben achtsam zu begegnen.
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