Der Raum zwischen Reiz und Reaktion – Teil 1: Warum wir ihn bei Misophonie kaum wahrnehmen

Veröffentlicht am 28. Februar 2026 um 16:00
Frau sitzt in ruhiger Innenatmosphäre mit geschlossenen Augen und Hand auf dem Herzen – Sinnbild für den Raum zwischen Reiz und Reaktion und innere Wahrnehmung bei Misophonie

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion – warum wir ihn kaum wahrnehmen

Bei Misophonie scheint es manchmal keinen Zwischenraum zu geben. Ein Geräusch taucht auf – und der Körper ist sofort da.

Anspannung. Abwehr. Wut. Fluchtgedanken.

Viele beschreiben es so, als würde etwas über sie kommen, ohne Vorwarnung, ohne Möglichkeit einzugreifen.

Und doch gibt es ihn: den Raum zwischen Reiz und Reaktion.

Er ist nicht sichtbar. Nicht laut. Und nicht dort, wo wir gelernt haben zu suchen.

Unser Nervensystem liebt Geschwindigkeit

Das Nervensystem ist kein Philosoph. Es wägt nicht ab. Es fragt nicht nach Kontext oder Vernunft. Seine Aufgabe ist Schutz.

Wenn ein Reiz, etwa ein bestimmtes Geräusch, einmal als gefährlich abgespeichert wurde, reagiert das System sofort.

Nicht, weil wir schwach sind. Sondern weil unser Körper gelernt hat: Hier droht Überforderung.

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion wird dadurch nicht kleiner, er wird unsichtbar.

Warum wir diesen Raum übergehen

Viele Menschen mit Misophonie haben früh gelernt, sich zusammenzureißen, sich anzupassen, nicht aufzufallen.

Der Fokus lag selten auf: Was passiert gerade in mir?

Sondern auf:

  • „Reiß dich zusammen“

  • „Das ist doch nicht so schlimm“

  • „Andere stört das auch nicht“

Der innere Raum wurde übersprungen, nicht aus Unachtsamkeit, sondern aus Notwendigkeit.

Reizüberflutung fühlt sich nicht wie ein Prozess an

Ein wichtiger Punkt: Reizüberflutung fühlt sich nicht an wie ein schleichender Prozess. Sie fühlt sich an wie ein Zustand.

Plötzlich ist alles zu viel. Der Körper ist angespannt. Gedanken werden eng. Der Wunsch nach Rückzug wird dringend.

Was dabei verloren geht: das feine Wahrnehmen der Übergänge.

Der Raum war da, aber niemand hat gelernt, ihn zu bemerken.

Der Raum ist kein Denkraum

Viele suchen diesen Raum im Kopf. Durch Analyse. Durch Strategien. Durch Erklärungen.

Doch der Raum zwischen Reiz und Reaktion ist kein kognitiver Ort. Er liegt im Körper. In einem kurzen Moment von Wahrnehmung:

  • ein Atemzug, der stockt

  • ein inneres Zusammenziehen

  • ein erstes Signal von Spannung

Das Problem ist nicht, dass dieser Raum fehlt. Das Problem ist, dass wir ihn nicht als Raum erkannt haben.

Warum das kein Versagen ist

Es ist wichtig, das klar zu sagen: Wenn du diesen Raum bisher kaum wahrgenommen hast, ist das kein persönliches Defizit.

Es ist eine Folge davon, wie dein Nervensystem gelernt hat, dich zu schützen. Misophonie entsteht nicht aus Sensibilität allein,
sondern aus Daueranspannung ohne sicheren Ausgleich. Der Raum wurde nicht zugänglich gemacht, also hat der Körper schneller reagiert.

Ein erster, stiller Perspektivwechsel

Was wäre, wenn deine schnelle Reaktion kein Zeichen von Kontrollverlust ist, sondern ein Hinweis darauf, wie früh dein System Alarm schlägt?

Was wäre, wenn der Raum zwischen Reiz und Reaktion nicht vergrößert werden muss, sondern wiederentdeckt?

Ausblick auf Teil 2

Im nächsten Teil geht es darum, wo genau dieser Raum liegt und wie er sich anfühlt, wenn wir beginnen, ihn wahrzunehmen, nicht als Technik, sondern als innere Orientierung.

Manche Menschen merken beim Lesen, dass sie diesen Raum nicht nur verstehen, sondern behutsam erkunden möchten.

Dafür gibt es einen eigenen Ort: „Stille beginnt innen“, eine verbindliche Weggruppe für Menschen mit Misophonie, die lernen wollen, ihr inneres Erleben ernst zu nehmen.

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